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  • Julia Senner

Führpositionen

Vor einiger Zeit kam jemand ins Coaching, der wissen wollte, was seine Stärken sind. Viele würden ihm rückmelden, dass er Sicherheit und Ruhe ausstrahle. Seine Selbstwahrnehmung war aber eine andere, weshalb er das Feedback nicht annehmen konnte und somit auch nicht auf diese Stärke zurückgreifen konnte. Er hatte zuvor noch nie mit einem Pferd gearbeitet. Nach einer kurzen Einführung bat ich ihn mit dem Pferd in der mittleren Führposition eine Runde um den Platz zu gehen, an einem bestimmten Punkt anzuhalten und danach in einem langsameren Schritt wieder anzutreten. Diese Aufgabe bewältigte er problemlos. Es herrschte absolute Harmonie zwischen ihm und dem Pferd. Er selbst war überrascht und ging davon aus, dass dies normal sei und das Pferd auf jeden so reagiere. Ich bat ihn das Seil zu lösen und dieselbe Aufgabe noch einmal ohne direkte Verbindung zum Pferd durchzuführen. Nach kurzem Zögern probierte er es und es gelang ihm genauso gut wie beim ersten Mal.

Sein Fazit danach war, dass er scheinbar wirklich Ruhe und Sicherheit auf andere ausstrahle und zudem schnell gute Beziehungen aufbauen könne. Im Nachgespräch haben wir dann erörtert, wie er diese Erkenntnisse in seiner Arbeit und im Privatleben nutzen kann.

Eine der für mich wichtigsten Grundlagen in der Ausbildung eines Therapiepferdes sind die verschiedenen Positionen, aus denen sich das Pferd führen lässt. Führen heißt in diesem Fall, dass sich das Pferd durch kleinste körpersprachliche Signale irgendwohin schicken lässt, ohne, dass z.B. am Strick gezogen werden muss.

Da ich von KlientInnen, Angehörigen und Zuschauenden immer wieder gefragt werde, warum ich manchmal vorne und manchmal hinten am Pferde laufe, nutze ich diesen Blogeintrag, um dies zu erläutern.

Beim Führtraining orientiere ich mich am Herdenverhalten der Pferde. In jeder Pferdeherde gibt es eine Rangordnung, die dadurch entsteht, dass ein Pferd ein anderes als ranghöher und somit kompetenter akzeptiert und ihm folgt oder selbst die Führung übernimmt. Möchte ich ein Pferd über Körpersprache führen, muss ich die Position des ranghöheren Pferdes einnehmen. Dies gelingt nur, wenn mich das Pferd als kompetent genug erachtet, es gut und sicher zu führen, und mich respektiert. Wichtig ist, dass das Pferd die Führpositionen bereits kennt und ich aus jeder Position mein Pferd kontrollieren kann.

Ich nutze drei verschiedene Führpositionen in der pferdegestützten Arbeit. Diese wähle ich nicht willkürlich, sondern entsprechend des Ziels, des Nutzens und des Befindens des KlientInnen.


1. Vordere Führposition

Die führende Person läuft auf Höhe des Pferdekopfes. Die Position vermittelt einigen KlientInnen mehr Sicherheit, da die Verbindung übers das Seil zum Pferd kürzer ist und der Kopf durch den Körper der führenden Person optisch begrenzt wird. Ich nutze diese Variante des Führens, wenn ich mit einer weiteren Person am Pferd arbeite, weil der/die KlientIn z.B. gestützt werden muss.


2. Mittlere Führposition

Die führende Person läuft auf Höhe der Sattellage. In dieser Führposition kann der/die KlientIn ggf. gestützt werden. Außerdem ist direkter Blickkontakt möglich und somit auch eine "face to face" Kommunikation. Es können Materialien zwischen TherapeutIn und ReiterIn hin- und hergegeben werden ohne anzuhalten und KlientInnen erleben durch die Nähe oft mehr Sicherheit.


3. Hintere Führposition

Die führende Person läuft auf Höhe der Kruppe. Diese Position wird normalerweise vom Leithengst eingenommen, der seine Herde von hinten schickt Diese Art des Führens eignet sich z.B. bei KlientInnen, die mehr Abstand brauchen oder denen Blickkontakt schwer fällt. Aus dieser Führposition kann ich das Zusammenspiel zwischen Pferd und ReiterIn besser sehen als von vorne oder von der Seite. Gleichzeitig fühlen sich die KlientInnen selbstständiger, da ich mich nicht mehr direkt im Blickfeld befinde. Das führt oft dazu, dass mehr ausprobiert wird. Außerdem führt die Position bei KlientInnen mit Konzentrationsschwierigkeiten häufig dazu, dass sie ruhiger werden und sich mehr aufs Pferd konzentrieren, da sie das Gefühl haben, dass ich nicht mehr direkt eingreifen kann. Einigen fällt es leichter sich zu unterhalten, wenn ich hinten laufe, da wir uns dabei nicht direkt ansehen können. Verhalte ich mich in der hinteren Führposition passiv, muss die reitende Person deutlich präsenter sein und die eigene Körpersprache richtig einsetzen, um gestellte Aufgaben mit dem Pferd zu bewältigen. So wird in dieser Position schneller deutlich, ob die Kommunikation zwischen Pferd und ReiterIn stimmig ist. Das Pferd kann während meines passiven Führens in dieser Variante leichter nach innen abwenden, da ich nicht so „begrenzend“ wirke, wie es in einer Position neben dem Tier der Fall ist.


Die Führpositionen nutze ich auch, wenn ich die KlientInnen mit dem Pferd vom Boden aus arbeiten lasse. Das Pferd wird dabei über feine Körpersprache losgeschickt, gelenkt und angehalten. Auch das Tempo lässt sich darüber variieren. Das Pferd entscheidet anhand dessen, was es am Menschen und seiner Körpersprache wahrnimmt, ob es ihm folgen möchte oder lieber selber die Führung übernimmt. So erhalten KlientInnen eine direkte Rückmeldung auf ihr Verhalten.

Im Führtraining werden unter anderem die Themen Vertrauen, Angst, Sicherheit, Respekt und Nähe-Distanz schnell deutlich.



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05031/5161133

Wunstorf, Deutschland

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