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  • Julia Senner

Ein Pferd wider Willen

Zu einer pferdegestützten Intervention gehört natürlich immer auch ein Pferd. In meinem Fall ist das zurzeit meistens mein 5-jähriger PRE Wallach Ceyetano.

Völlig überraschend wurde er vor zwei Jahren unser neues Familienmitglied.

Alles begann mit einem Anruf im Januar 2018. Damals befand ich mich noch in meiner Weiterbildung zur Reittherapeutin und fuhr jeden Monat für 3 Tage nach Berlin zum Centro Hippico. Der Anruf kam von der Inhaberin, die wusste, dass ich mein Pferd ein Jahr zuvor habe einschläfern lassen müssen. Ohne Umschweife kam sie zum Grund ihres Anrufes: Ich bräuchte ja nach meiner Ausbildung wieder ein Pferd und sie habe gerade eines gefunden, dass zu mir passen könnte. Ich war völlig überrumpelt und lehnte ohne weiter nachzudenken ab. Bisher hatte ich mir noch keine Gedanken über das DANACH gemacht, da ich erstmal die Weiterbildung beenden wollte.

Ein paar Stunden später bekam ich über Whats App zwei Videos und drei Bilder zugeschickt. Sie zeigten einen sehr jungen Wallach, kaum bemuskelt und gerade fähig mit Reiter im Schritt geradeaus zu laufen. In einem der Videos lief er seelenruhig an einer vierspurigen Straße entlang. Seine Ausstrahlung beeidruckte mich. Trotzdem sprach für mich vieles gegen ihn und gegen ein Pferd im Allgemeinen zu diesem Zeitpunkt. Wir wohnten noch nicht lange in Wunstorf. Wo sollte ich ihn unterbringen? Zudem traute ich mir nicht zu, ein so junges Pferd auszubilden. Wie sollte ich ihm neben Familie, Weiterbildung, Arbeitsstelle, Hund, Fussball und Alltag gerecht werden? Und das dicke Ende kam noch. Er stand nicht irgenwo in Deutschland. Nein, er lebte in Spanien. Ich müsste ihn also "blind" kaufen. Kein Kennenlernen und kein Probereiten.

Abends erzählte ich meinem Mann und einer Freundin von dem Anruf. Für mich war das Thema da schon abgehakt. Für die beiden nicht.

Sie brachten mich dazu, ernsthaft über den Kauf nachzudenken und räumten einige meiner Zweifel aus. Aber der größte Zweifel blieb: Ist es sinnvoll ein junges Pferd für Therapie und Coaching zu kaufen, über das ich fast nichts weiß und von dem ich mir keinen eigenen Eindruck machen kann? Also rief ich einen Tag später doch bei meiner Dozentin an und sprach genau das an. Sie selber züchtet PREs und kauft immer wieder Pferde aus Spanien nur anhand ihrer Abstammungspapiere. Ceyetano hatte allerdings keine. So konnte sie nur das erzählen, was sie über ihre Kontakte erfahren hat und sagte, ich müsse mich in zwei Tagen entschieden haben. Nach vielen Gesprächen mit guten Freunden und Familie sagte ich zu. Es entstand eine Mischung aus großer Vorfreude und "scheiße, was habe ich getan?". Meine Dozentin arrangierte alles und organisierte auch den Transport nach Deutschland. Ceyetano sollte erstmal zu ihr kommen. So bekam ich Zeit, in Ruhe nach einem geeigneten Stall zu suchen und konnte an den Weiterbildungswochenenden unter Anleitung mit ihm arbeiten. In der Zwischenzeit arbeitete meine Dozentin mit ihm. Anfang März war es dann endlich soweit: Ceyetano kam bei Minustemperaturen und Schnee in Berlin an. Das kurze Fell aus dem wärmeren Spanien reichte hier nicht mehr und musste mit einer dicken Decke unterstützt werden. Ich konnte dies leider nur per Videos und Fotos verfolgen und mir fiel es schwer zu verstehen, dass das Pferd, das darauf zu sehen war mein eigenes ist.

Dann kam endlich auch der Tag, an dem ich ihn persönlich kennen lernen konnte. Er schaute freundlich und neugierig aus seiner Box und nahm von sich aus Kontakt auf. Nach der Begrüßung putzte ich ihn ausgiebig. Schnell war klar, dass er ein sehr verschmustes Pferd ist, dass sich am liebsten gleich auf den Schoß gesetzt hätte. Besonders gern mag er unterm Hals und unter der Mähne gekrault werden. Ceyetano wollte von Beginn an beschäftigt werden, lernte schnell und ging neugierig auf alles Interessante zu. Jedes Mal, wenn ich vor Ort war, war ich von seinen Fortschritten beeindruckt. Nach einem Monat ließ er sich von vorne, von der Seite und von hinten führen, das Longieren lief immer besser und bald lernte er auch auf Ausatmen anzuhalten. Meine Dozentin arbeitete täglich zweimal mit ihm und legte eine sehr gute Grundlage für seinen Einsatz als Therapie-und Reitpferd.

Im Mai blieb ich zwei Tage länger und kam noch ein weiteres Wochenende. Ich lernte ihn immer besser kennen: seine Stärken, seine Eigenarten, seine Vorlieben. Er lief an der Longe lieber rechts als links rum, nimmt alles was geht ins Maul, sucht viele Streicheleinheiten, merkt sofort, wenn man unkonzentriert ist und mag keine Hochsitze.

Anfang Juni fuhr ich mit meinem Schwiegervater nach Berlin, um Ceyetano abzuholen. Es war ein komisches Gefühl. Mein altes Pferd hatte ich solange, dass wir uns blind verstanden. Ich wusste wie er in welcher Situation reagiert und konnte anhand seiner Körpersprache schnell einschätzen, wie er drauf war oder was er als nächstes machte. Bei Ceyetano war das anders. Wir mussten erstmal viel Zeit miteinander verbringen, um uns besser einschätzen zu können. Mittlerweile kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass es einmal so war. Heute erkenne ich sehr schnell was bei ihm los ist. Aber auch andersrum klappt es gut. Er spiegelt, was er an mir wahrnimmt und nicht immer sehe ich das gerne. Trotz seiner 5 Jahre wirkt er oft schon sehr abgeklärt und erfahren. Er arbeitet großartig in der Therapie mit und bringt die Klienten und mich oft zum Lachen.

Heute bin ich sehr dankbar für den Anruf im Januar 2018 und die Menschen, die mir damals zugesprochen haben es auszuprobieren.

Unser erstes Aufeinandertreffen

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05031/5161133

Wunstorf, Deutschland

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